Die Goslarer Gose
Die Goslarer Gose ist uralt. Goslar
war als Brauerstadt
durch das Gosebier weithin bekannt.
Schon 1181 tauchen nach Überlieferungen im damaligen
Domstift
erste Nachrichten über die Gose auf. Die ersten
Brauer waren in
den Klöstern beheimatet.
Später wurden auch Bürger
brauberechtigt. Durch die
Stadt wurden Privilegien verliehen,
unter anderem auch das
Recht Bier zu brauen.
1557 besaßen
387 Häuser die Brauberechtigung. Es wurde
aber nur für den
Hausgebrauch gebraut. Einige große Brau- häuser waren für
den Verkauf eingerichtet. Das bekannteste
war das Brauhaus der
Familie Siemens, die Vorfahren des
heutigen Elektrokonzerns
Siemens.
Die Stadt hatte eine eiserne Braupfanne angeschafft.
Diese Braupfanne wurde zu den einzelnen Brauberechtigten
ge-
fahren und man braute sein Bier, das dann im eigenen
Keller
weiter verarbeitet wurde. Wenn diese Hausbrauer Bier
ver-
kauften, wurde ein "Lof" eine Art Reiserbesen am
Haus auf-
gehängt, zum Zeichen des Bierverkaufs. War des Bier
alle,
wurde der "Lof" entfernt.
Die Reihenfolge
der Brautage der einzelnen Brau-
berechtigten wurde ausgelost. Das
Verfahren nannte sich
,,Reihebrauen".
Durch die offene
Befeuerung der Braupfanne kam es oft
zu Bränden, die sich
wiederholt zu Stadtbränden entwickel-
ten. Man mauerte die Pfanne
dann ein. Vorher wurde die
Braupfanne, die auf einem eisernen
Dreifuß, dem sogenann-
ten Stridden stand, nur mit
Schieferplatten umstellt. Diese
Schieferplatten wurden in einer
extra Schiefergrube, der
Pfannsteinsgrube gebrochen.
Nun
betrieb man nur einige Brauhäuser, von denen sich
die
Brauberechtigten ihr Bier zur weiteren Verarbeitung ab-
holten. Es
wurde aber auch die Brauerei auf Zeit vermietet,
und der Inhaber
bekam dann eine Entschädigung.
Um 1800 ging die
Goseherstellung zurück und hörte ge-
gen 1840 dann ganz auf. Es war damals gelungen, die Bierhefe
zu
züchten und dem Bier gezielt zuzusetzen. Die Biere wur-
den
dadurch besser. In Goslar blieb man jedoch bei der
Spontangärung.
Die Hefebiere verdrängten so die Goslarer
Gose.
1935/38
wurde von der Brauerei Fritz Natermann in Gos-
lar nochmals Gose
gebraut. Diese Gose konnte sich nicht
durchsetzen. 1939 stellte
die Brauerei den Betrieb ein. In die
Betriebsgebäude wurde ein
Kino gebaut, später ein Aldi-
Markt und jetzt ein
Schlecker-Markt.
Ein bezeichnendes Beispiel für den
Zeitenwandel!
Seit 1993 braue ich in meiner Hausbrauerei die Goslarer
Gose
und verkaufe diese auch in 2 Gaststätten. Es wird aber
ein
Nischenprodukt bleiben, ein Pils-Trinker kann nicht zum
Gosetrinken
bekehrt werden.
Zur näheren Erläuterung füge ich einen
umfangreichen
Zeitungsartikel aus dem Jahr 1882 bei, der
interessante Ein-
blicke in die Gosegeschichte von Goslar
ermöglicht.
Andreas Wagenführer, Gosebraumeister
Goslarsche Zeitung vom 17. 2.1882
Lokales aus der Provinz und aus den
Nachbarstaaten: Goslarsche
Gose.
Um das Brauverfahren des früher berühmten
Goslarschen
Gose-Bieres der Zukunft zu erhalten, nehme ich
Gelegen-
heit, solches hiermit niederzulegen. Über 40 Jahre ist
das
Brauverfahren der sogenannten Goslarschen Gose nicht
mehr
beobachtet worden, und nur noch einige Personen
mögen von
derselben Kunde und Kenntniß haben. Zur
weiteren Erläuterung der
eigenthümlichen Verhältnisse
hieselbst erscheint es notwendig,
einige Details voranzu-
schicken.
Bekanntlich befinden sich hier 301 Braugerechtigkeiten, wel-
che
früher ebensoviel Brauhäusern angehört haben; im Jahre
1790
waren deren noch 60 vorhanden, 1840 noch circa 30.
Früher konnten
die Braugerechtigkeiten nach einer bestimm-
ten Reihenfolge in
beliebigen Brauhäusern abgebraut werden,
aber gewöhnlich wurde
die Zeit an einen Brauhausbesitzer
vermietet, daher wohl der Name
Brauzeit. Wer aber seine
Brauzeit selbstständig ausübte, der war
ein actueller Brauer;
solche actuellen Brauhäuser gab es 1816
noch 6, welche aber
1840 auch zu den activen Brauhäusern gesetzt
wurden, In den
activen Brauhäusern wurde von 1816 - 1840 unter
Aufsicht ei-
ner Braudirection der Reihe nach gebraut; die
bloßen
Brauzeiten partizipierten seit 1816 nur an den
Überschüssen
der Braugewinngelder.
Die activen Brauhäuser
mußten mit zwei großen Brau-
bottichen und den benöthigten
Braugeräthschaften versehen
sein, und wurde in denselben der
Reihe nach gebraut. Für die
Zeit des Brauens erhielten dieselben
seit 1816 eine
Mietentschädigung von 60 Thlr. für ein Gebräue
von 3 1/2
Wispel Einsatz.
Da die heiße Würze aus der
Pfanne in die Keller in offene
Gefäße gebracht wurde, so wurden
dieselben dadurch so er-
wärmt und angefeuchtet, daß es fast
unmöglich war, vorläufig
wieder heiße Würze in die Keller zu
bringen; dies hatte natür-
lich die sogenannte fliegende Brauerei
zur Folge.. Zu diesem
Behufe waren 2 Braupfannen vorhanden. Währen
nun in ei-
nem Brauhause gebraut und das Bier verkauft wurde,
fuhr
man die 2. Pfanne auf einem großen Schlitten nach
einem
andern Brauhause, wo dieselbe eingemauert wurde.
Erst
Anfangs dieses Jahrhunderts ist man mit der Einmaue-
rung der
Braupfannen vorgegangen; früher sind dieselben auf
einen großen
Stridden (eisernen Dreifuß) gesetzt und einige
Schieferplatten
(sog. Pfannensteine) gegen die Pfanne herum-
gestellt worden.
Diese großen Schieferplatten wurden in einer
dazu bestimmten
Schiefergrube, der sog. Pfannsteinsgrube
gebrochen. Nachdem die
Pfanne eingemauert worden war,
wurde dieselbe mit Wasser gefüllt
und darin eine Quantität
grüner Fichtenhecke (Tannhecke)
gekocht, mit diesem Fich-
tennadel-Decoct wurden sowohl die großen
Braubottiche, als
auch die Kellergeräthschaften, welche alle aus
offenen Gefä-
ßen, Wannen (Kellerlöpen) Tubben usw. bestanden,
dicht ge-
macht und gereinigt. Das zum Brauen benöthigte Holz
wurde
gewöhnlich frühzeitig nach den zum Brauen
bestimmten
Häusern gefahren, gespalten und getrocknet ( in den
letzten
Jahren nach dem sog. Mangelhofe bei Ulrich) und von da
zum
Gebrauch nach den Brauhäusern. Die Braulokale waren
meistentheils
sehr beschränkt. Die Pfanne, der Maisch- oder
Seihbottich und der
Würzbottich standen in einer Reihe, die
Pfanne bedeutend höher
als die Bottiche, aber ohne Ablaß-
hahn, weil alles gefüllt
wurde.
Der vom Betriebsdirector angekaufte Weizen (nur aus
reinem
Weizenmalze wurde die Gose gebraut) wurde
gewöhnlich
nach den verschiedenen activen Brauhäusern zum Mälzen
ab-
geliefert, nur besondere Vorräthe desselben lagerten auf
ge-
mieteten Böden. Mit dem Malzmachen beschäftigten sich
na-
mentlich Witwen und alte Jungfern, welche Besitzer von
activen
Brauhäusern waren und pro Wispel lufttrocknes Malz
2 Thlr. für
Arbeit und Bodenmiete erhielten. Gewöhnlich
wurden 2 Wispel in
den Quellbottich geschüttet und darauf
Wasser gelassen, so daß
der Weizen hinlänglich bedeckt war;
in diesem Wasser mußte der
Weizen so lange weichen, bis die
zwischen dem Zeigefinger und dem
Daumen herausgenom-
menen Körner durch zusammendrücken derselben
eine
milchartige Flüssigkeit herausspritzen, weil man den
Grund-
satz hatte, daß durch den Weichprozeß die Löslichkeit
des
Korn bedingt sei und nicht durch den Keimprozeß.
Der
Quellbottich war gewöhnlich reichlich mit Luftblasen
bedeckt, da
das Quellwasser mehr oder weniger in faulige
Gährung übergegangen
war. Da nun der Weizen infolge des zu
starken Einweichens zu dem
Keimprozesse nicht tauglich
war, so wurde derselbe erst wieder
abgetrocknet und zu die-
sem Behufe auf den Böden ausgebreitet
oder in maulwurfs-
artige Häufchen gesetzt. War der Weizen soweit
abgetrocknet,
daß er nur noch die zum Keimen benöthigte
Feuchtigkeit
hatte, so wurde derselbe auf die Hausböden in das
Wachsbett
gebracht, wo er gewöhnlich so lange fest liegen bleiben
muß-
te, bis die Keime zum Vorschein kamen, worauf das
Bett
umgearbeitet wurde. Bei einigen wurde das Wachsbett gar
nicht
umgearbeitet, sondern so lange fest liegengelassen, bis
alles fest
zusammengewachsen war. Man konnte es oftmals
auf der Straße
riechen, wo sich ein solches Wachsbett befand,
namentlich wenn es
auseinander gebracht wurde und vorher
erst entweder mit den Händen
auseinander gerissen und gerie-
ben, oder mit einer starken Harke
geschlagen, oder aber mit
eigens dazu bestimmten dünnen und
scharfen, von Buchen-
holz angefertigten Brettern, wie die
Fleischbeile geformt aus-
einander gehauen wurde, worauf das nun
ziemlich zerkleiner-
te Malz auf den Böden zum Trocknen
auseinander gebreitet
und mehr oder weniger von den Malzmachern
mit einer Stan-
ge gerührt (umgewandt) wurde. Diese Stange war
entweder
eine gewöhnliche 8 Fuß lange Vietsbohnenstange oder an
den
stärkeren Ende mit einem Doppelzacken versehen. Mit
dieser
Stange wurde auf dem Boden dicht voreinander hin und
her
gezogen, wodurch das Malz ziemlich gleichmäßig auf
eine
andere Stelle gebracht wurde.
Sollte nun gebraut werden, so wurden 3 1/2 Wispel Malz,
den
Himpten rund gemessen, 12 Stunden vorher, ehe dasselbe
nach
der Mühle zum Schroten gebracht werden sollte, ge-
netzt, d. h.
mit Wasser stark angefeuchtet, damit beim Schro-
ten die Hülsen
weniger zerkleinert und demgemäß das Ablau-
fen der Würze
erleichtert wurde. Das Schroten des Malzes
mußte in den hierzu
allein berechtigten Malzmühlen, der
Kegelworth- und der
Frankenberger Malzmühle, unter Auf-
sicht einer Kellerfrau
geschehen.
Man hielt es damals für ein gutes Zeichen von dem Gelingen
des
Brauens, wenn man nicht auf der Mühle sitzen geblieben
war, d. h.
wenn die Mühlsteine sich nicht derart verkleisterten,
daß
dieselben aufgenommen werden und der Kleister ausge-
hauen werden
mußte, was seinen Grund entweder von zu star-
ken Benetzen oder
nicht gehörig lufttrockenem Malz hatte.
Sollte nun mit dem Brauen
selbst angefangen werden, so wur-
de, während das Wasser in der
Pfanne heiß gemacht wurde,
der Losboden in den Setzbottich
gelegt. über einige Bund
langes Roggenstroh kamen Stück an Stück
die sog. Barlen,
nach der Größe des Seih- oder Maischbottichs,
und von der
Stärke der Lattenknüppel abgelängte runde Knüppel,
welche
durch Streben unter der Decke befestigt wurden. Zwischen
der
Pfanne und dem Seihbottich befand sich in der Erde,
theilweise
unter dem Seihbottich, der Werthstein (Grand),
worin die Würze
mittelst eines langes Zapfens gelassen wer-
den konnte. Dieser
Zapfen war unten mit einem Strohkranz
umwickelt, mit einigen
Steinen umlegt und ging durch den
Boden des Seihbottichs. Nachdem
nun eine bestimmte An-
zahl Schaupen (Schöpsgefäße) kaltes
Wasser in den Maisch-
bottich gegeben war, wurde aus der Pfanne
siedendes Wasser
zugeschöpft und in dieses Wasser das Malzschrot
geschüttet
und gemaischt.
Das Maischen geschah theilweise
mit gewöhnlichen Krücken
oder mit Maischhölzern (8 Fuß lange
Stangen an den unteren
Ende mit einem Gitter versehen). Beim
Maischen mußte das
ganze Braupersonal, sowie der Inspector und
der Wasser-
wärter gegenwärtig und behülflich sein. Der
Wasserwärter hat-
te während des Brauens zugleich darauf zu
sehen, daß hin-
längliches Wasser vorhanden war. Während der
ersten
Maischens wurde eine Pause gemacht und ein Gesang
gesun-
gen, gewöhnlich ,,Bis hierher hat uns Gott gebracht",
und
dann fertig gemaischt. Nachdem die erste Maische 1
Stunde
gestanden und sich geläutert hatte, wurde die Würze in
den
Werthstein (Würzstein) gelassen und aus diesem nach und
nach
in den Würzbottich geschöpft. während dessen die Pfan-
ne
wieder mit Wasser gefüllt und zum Kochen gebracht wür-
de. Wenn
die erste Würze abgelaufen war, wurde die 2. Pfanne
kochendes
Wasser auf die Malzmasse gefüllt und wieder
gemaischt. Die
gesammelte erste Würze (Bestekrug) ward in
die Pfanne gebracht
und 2 Stunden gekocht, dann ausge-
schöpft und durch Rinnen in
die Kellerlöpe zum Abkühlen
gebracht. Zunächst kam das Bier aus
der Pfanne in einen
Hopfenkorb, welcher mit kleinen Fichtenzweigen
gefüllt in
einem Tubben hing, aus dessen Zapfloch die Würze in
die
Rinne floß, welche mit dem Keller in Verbindung stand.
Von
obiger ersten Würze (dem Bestekrug) wurde 1-2 Ohm in
kupferne
Kessel (Kesselbestekrug) und wo diese im Keller
fehlten, in
besondere Gefäße (Stannen) gethan, worin ein
Beutel mit Wermuth
(Frehmte) und Zimtröhren gefüllt, ge-
henkt und so dem
Bestekruge durch diese Decoct ein beson-
derer Geschmack gegeben
wurde. Dieser sogenannte
Frehmtenbestekrug war das höchste
Product der Goslarschen
Gose und wurde nur an gute Kunden
abgegeben.
Durch den sehr unvollkommenen Seihboden
(Losboden)
konnte natürlich auch die Würze nicht klar ablaufen,
wes-
halb eine Menge trübe Maische und Schleimtheile mit in
die
Pfanne gebracht wurden, welche sich beim Kochen der Würze
in
große Klumpen vereinigte. Diese wurden zum Theil mit
einer großen
sog. Schäumekelle aus der Pfanne herausgenom-
men, zum Theil aber
durch das Fichtennadel-Filter. Trotz-
dem behielt das Bier aber
immerhin noch eine große Menge
Kleber, so daß das gewöhnliche
Bier wie Erbsensuppe aussah
und den eigenthümlichen Geschmack der
Goslarschen Gose
nach Fichtennadeln hatte. Wie vorhin gesagt,
wurde bei jedem
Zuge (nach jeder Maischung) die Würze in dem
Würzbottich
gesammelt, und wenn das Bier aus der Pfanne
genommen
war, sofort wieder Wasser in dieselbe gebracht und über
die
Trebern gefüllt und gemaischt. Auf diese Weise erhielt
man
die 1. Werth (Bestekrug), die 2. Werth, die 3. Werth, die
4.
Werth (Hüppig), welchem wohl auch etwas Malz oder Farbe-
malz
zugesetzt wurde. Zuletzt kam der Hopfenwerth. Die
Pfanne wurde ca.
1/3 mit Wasser gefüllt und gewöhnlich 60
Pfund Hopfen auf 3 1/2
Wispel Malz genommen, und weil
man nun recht viel Zeit hatte,
dieser auch recht lange ge-
kocht, welches man das Hopfenschmoren
nannte. Jede Sorte
Bier kam für sich in besonders gekennzeichnete
Gefäße, und
erst beim Verkaufe wurden die Werthe nach den
Verkaufsprei-
sen gemischt. Die verschiedenen Biersorten waren
gewöhn-
lich:
a) der Bestekrug, welcher gewöhnlich in der Bierstube
getrunken
wurde und das Maaß oder Glas 2 Groschen (1/12)
Thaler
kostete,
b) 100 Stübchen 15 Thaler
c) 100 Stübchen 10
Thaler
d) 100 Stübchen 8 Thaler
e) 100 Stübchen 5
Thaler
f) der Hüppig a' Maaß 1 Pfennig
100 Stübchen
wurden eine Kaupe oder Faß, 50 Stübchen 1/2
Kaupe, 25 Stübchen
1/4 Kaupe benannt.
Der Hüppig und der Say (Trebern) wurde nach
Beendigung
des Brauens aus dem Brauhause verkauft und durch den
Aus-
rufer die Zeit des Verkaufs mit Bezeichnung des
fraglichen
Brauhauses bekannt gemacht. Zum Zeichen, in
welchem
Hause gebraut und Bier verkauft werden sollte, wurde das
Lof
(eine Stange an deren Spitze gewöhnlich eine große
hölzerne
Weintraube mit einer Quaste von Bändern, alles hübsch
ange-
malt, hing) ausgesteckt.
Da das Bier nicht angestellt
wurde, so trat entweder dasselbe
von selbst in Gährung, oder es
bildete sich auf demselben
eine dicke Schimmelhaut. Je dicker nun
diese lederartige
Haut war, desto besser hielt sich das Bier, weil
diese feste
Schimmeldecke den Zutritt der Luft zu dem Bier
absperrte.
Erst wenn das Bier abgegeben werden sollte, wurde
dasselbe
angestellt. Wenn z. B. ein Wirth 1/4 Faß 8 Thaler-Bier
aus der
Brauerei abholen ließ, wurde dasselbe im Keller mit 4
Stüb-
chen 1. Sorte Bier, 4 Stübchen 2. Sorte Bier, 8 Stübchen
3.
Sorte Bier, 8 Stübchen 4. Sorte (Hüppig und Hopfenwerth),
1
Stübchen Barm (angestellter Untersatz, Kleber etc.)
gefüllt,
und dieser Verkauf in Fässern Aufzug, der kleine
Verkauf in
Gemäßen und Flaschen ect. Sellung genannt.
Ein teilweise noch jetzt bekanntes Sprichwort von damals
lautete
etwa folgendermaßen:
Ein gar sehr hurtig Bier
Ist die goslarische Gose
Kaum hat
man sie im Munde,
So ist sie in der Hose.
Erst im Jahre 1823 ist der Verkauf gegohrenen Bieres nament-
lich
in Flaschen eingeführt, früher wurde nur gegohrenes Bier
zum
Trinken im Brauhause abgegeben; Wirthe sowohl wie
Private mußten
das Bier auf Flaschen füllen und gähren las-
sen. Bis 1868 ist
sogar der Hüppig unangestellt verkauft wor-
den.
Der Barm
(obergährige Hefen oder Vorstellung) wurde aus
den aufgefangenen
Klebermassen (siehe oben), dem Satze aus
den Kellerlöpen und dem
Spülicht zusammen gemischt
in einem Bottich (Kellerbottich)
angestellt und entweder
direct an die Branntweinbrenner zum
Anstellen der Maische
etc. das Stübchen zu 2 Groschen, oder dem
Aufzuge zugesetzt
oder bei der Sellung besonders verkauft. Aus
diesem Barm
wurde bis 1833, als andere Gährmittel, namentlich
trockene
Hefe, hier nicht fabriciert wurden, eine große
Einnahme
1200 bis 1400 Thaler jährlich erzielt.
Das Füllen
der Fässer besorgten Kellerfrauen. Da das
nach verschiedenen
Preisen aus den verschiedenen Würzen
zusammengesetzt werden
mußte, so konnte leicht eine Begün-
stigung oder Irrthum
stattfinden, weshalb die Wirthe, selbst
bei gleicher Zahlung an
die Brauerei, doch sehr verschiedenes
Bier hatten.
Das
Brauverfahren ist gewiß in früheren Zeiten ein Besseres
gewesen,
und demselben viel Aufmerksamkeit geschenkt wor-
den, sonst wäre
die einst so berühmte Gose nicht so in der
Consumtion gefallen.
In den letzten Decennien des vorigen
Jahrhunderts sind jährlich
50 bis 70 Gebräue, in 1816 bis 1830
durchschnittlich 24, dagegen
von 1830 bis 1840 nur noch we-
nige ganze Gebräue zu 3 1/2 Wsp.
Weizen gebraut worden. Aus
diesen Zahlen ist zu ersehen, wie sehr
die Braunahrung abge-
nommen hat, obgleich das Bier-Monopol gegen
den Import
schützte.
Wenn schon zu Ende des vorigen
Jahrhunderts über die Ab-
nahme der Braunahrung geklagt wurde, so
würde doch diese
so weit nicht gefallen sein, wenn immer
intelligente Leute
oder Fachmänner mit der Leitung des Brauwesens
betraut ge-
wesen wären. Der Kriegsrath Siemens (gest. 1807) hat
dem
Brauwesen ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt und
viele
Verbesserungen eingeführt, die mir noch von den
alten
Schaupenbrauern (Brauknechten) mitgetheilt worden sind,
und
welche auch noch aus seinen gedruckten Werken ersicht-
lich sind.
An vielen Kellertüren habe ich noch seine
satyrischen Dichtungen
gelesen, so z. B. in meinem elterli-
chen Hause:
Wenn
der Rath ein Brauer ist,
Der Kämmerer das Bier mißt,
Der
Bürgermeister backt das Brot,
So muß der Arme leiden
Noth.
Statt daß die Leitung des Brauwesens Fachmännern
anvertraut
worden wäre, wurde dieselbe von dem Magistrate dem
sogen.
Brau- oder Schmeckeamte übertragen, welches die
Funktion
des Bierschmeckens zu besorgen hatte und gewöhnlich
aus
Brauhausbesitzern bestand. So fungierten z. B. im Jahre
1840
als Brauereidirectoren: 1) Herr Seilermeister
Meyn,
Betriebsdirector, 2) Herr Handschuhmachermeister
Ehrhardt,
Kassenmeister, 3) Herr Chirurgus Hinze, Beisitzer,
Brauinspector
Schäfer, Buchhalter, Bergfactor
Hauenschild,
Rechnungsführer.
Auffallend muß z. B.
erscheinen, wenn in der Rechnung von
1829 der angekaufte Weizen
von dem Senator X und dem
Braudirector Y. mit 80 Thl. pr. Wsp.
berechnet ist, während
die übrigen Lieferanten in derselben Zeit
nur 60 Thl. bekom-
men haben, und das aus den Gebräuen aus dem
Weizen des
X. Schaden gemacht worden ist, obgleich derselbe nur zu
57
1/3 Thl. im Durchschnittspreise berechnet worden ist.
Ferner
heißt es in der Rechnung von 1830: ,,Daß der erfolgte
Gewinn
in diesem Jahr größer, als in den vorhergehenden Jahren
ist,
rührt von der geringen Anzahl der geschehenen Gebräue
her,
wodurch bedeutend an Accise, Hausmiete, Löhnung und
der-
gleichen Kosten gespart wurde." Dieses Spar-System
scheint
immer mehr verfolgt worden zu sein, denn die
Schlußrech-
nung von 1839 giebt für den Zeitraum von 498 Tagen
einen
Gewinn von 70 Thlr. 6 gr. 8 Pfennig, mithin für 1 Jahr mit
365
Tagen 51 1/3 Thl., und der Verbrauch an Weizenmalz hat für
das
letzte Jahr 31 Wsp. und 4 Himpten betragen, mithin wö-
chentlich
24 Himpten. Von den Brauzeiten -Besitzern wurde
über dies System
der derzeitigen Braudirection gegründete
Beschwerde erhoben, und
es wurde die Verpachtung der hiesi-
gen Societäts-Brauerei
beschlossen.
Erst mit dem Jahr 1848, wo auch hier viel
politisiert wurde,
kam das Lagerbier in Gewohnheit und Geschmack,
obgleich
dasselbe seit der Verpachtung von 1840 gebraut wurde.
Nach
Ablauf der Pachtperiode sollte die Brauerei wiederum
ver-
pachtet werden, allein die neuen gestellten
Pachtbedingungen
waren von einer gewählten Commission so
gestellt, daß ein
vernünftiger Fachmann auf diese Bedingungen
zur Betrei-
bung der Brauerei nicht bieten konnte. Zwar machte
Herr
Eckerlin aus Wernigerode ein gute Gebot, allein diese
wurde
nicht angenommen, und da das Brauwesen sich durch
große
Opfer inzwischen wieder etwas gehoben hatte, so wurde
wie-
der eine Administration beschlossen, welche bis jetzt
fortge-
führt worden ist.
GOSLAR, GESCHRIEBEN IM JANUAR
1869
HEINRICH STECKHAHN
Einige Erläuterungen
zur Gosebeschreibung von 1869/1882
Heinrich Steckhan Societätsbrauerei Goslar: war Pächter und Braumeister der Societätsbrauerei Goslar
Siemens: Bürgermeister und Brauereibesitzer in Goslar Ahn- herr der Familie Siemens (Elektrokonzern)
Tubben: kleineres rundes oder ovales Holzgefäß
Vietsbohnenstange: Vietsbohne = grüne Bohne. An der
Vietsbohnenstange rankten die Bohnen empor.
Teilweise
heute noch bei Hobbygärtnern vorhanden
Ohm und Stübchen: Flüssigkeits-Hohlmaße
Himpten: Maßgefäß für Getreide
Wispel: Gewichtsmaß für Getreide
Das Braurezept für die Goslarer Gose
Zur Herstellung des Weizenbieres ,,Goslarer Gose"
verwende
ich 90 % Weizenmalz, 5 % Pilsener und 5 %
Cara-Blond
Gerstenmalz. Außerdem Doldenhopfen, den ich direkt
zur
Maische gebe, der besseren Läuterung wegen.. Zur Würze
gebe
ich ausschließlich Aromahopfen in 2 Gaben.
Der Größe meines
Sudhauses entsprechend gebe ich folgende
Mengen für 150 ltr.
Verkaufsbier: 25 kg Weizenmalz,
1,25 kg Pilsener und 1,25 kg Cara-Blond
Gerstenmalz.
200 g. Doldenhopfen (Elbe-Saale Tradition) zur
Maische und
150 g Pellets 45 (Elbe-Saale Tradition) zur Würze in
2 Gaben.
Abweichend vom alten Rezept mit der Spontangärung
ver-
wende ich heute obergärige Hefe.
Die Spontangärung ist
heute kaum noch praktikabel, da die
Biere als verdorben angesehen
werden..
Die Ausschlagwürze lasse ich über frische Fichtennadeln
lau-
fen. Ich habe hierzu ein Sieb (Spagettisieb) über welches
ich
die Ausschlagwürze in den Setzbottich laufen lasse.
Der
Setzbottich ist ein Ersatz für den Whirlpool. Mittels
einer
Kühlschlange kühle ich die Würze im Setzbottich ab.
Dabei
setzt sich ein Großteil Trub ab. Anschließend kühle ich
die
Würze durch einen Durchlaufkühler auf Anstelltemperatur.
Nun zum Brauvorgang.
Wichtig. ist bei der Verarbeitung von Weizenmalz ein
leichtes
Anfeuchten des Weizen vor dem Schroten. Die
Läuterung
geht dann problemlos. Ich verwende eine Sprayflasche,
die
ich mit Wasser fülle und mittels Handdruck den Weizen
be-
feuchte.
Das gesamte Malzschrot wird kalt eingemaischt.
Nach 4-5
Stunden brühe ich mit heißem Wasser und
anschließender
Erwärmung auf 65° C auf. Die Eiweißrast bei 50°
C übergehe
ich.. Es wird gleich der Doldenhopfen zugesetzt. Bei
65° C
halte ich 30 Min. Rast. Bauartbedingt kühlt sich die
Maische.
auf ca. 63° C ab. Dann erwärme ich auf 72° C und warte
die
Verzuckerung ab. Nach ca. 20 Min. ist die Maische
jodnormal.
Ich erwärme auf 76° C und maische ab. Nach 10
Min. lasse ich die
Vorderwürze anlaufen. Wenn die Vorder-.
würze blank läuft,
lasse ich in die Pfanne laufen. Nach ca. 90
Min. ist die
Vorderwürze abgelaufen. Es folgen 3 Nachgüsse.
Wenn die Pfanne
voll ist, beginnt die Würzekochung.
Kochdauer 90 Min. Nach 15 und
nach 45 Min. erfolgen
je 50% Hopfengabe.
Die Abkühlung erfolgt
wie beschrieben. Wichtig ist noch,
daß ich das Rührwerk in der
Sudpfanne ca. 5 Min. laufen
lasse. Danach warte ich 10 Min. mit
dem Ausschlagen. Es hat
sich dann der Hopfentrub schön fest in
der Pfanne abgesetzt
und ich kann die fast klare Würze
abziehen.
Die auf 12° C abgekühlte Würze wird im Gärbottich
mit
obergäriger Hefe angestellt Die Temperatur steigt bis 15°
C.
Gesteuert wird die Kühlung mittels Mantelkühlung.
Gärdauer
ca. 72 Std.
Während der Gärung wird die nach oben
getriebene
Hefe abgenommen und zur erneuten Verwendung
beiseite
gestellt. Es wird die Hefe bis zu 12 x gegeben.
Nach
Beendigung der Gärung wird das Jungbier in Lagerfässer
(50 ltr.
KEG) abgefüllt. Hierbei werden 2 ltr. Speise zugefügt.
Speise
ist Würze die ich kochend heiß in 2 ltr. Syphonflaschen
gefüllt habe. Verschlossen verändert sich diese Würze nicht.
Der Zusatz als Speise erfolgt, um die Nachgärung im Faß zu
forcieren. Die gefüllten und verschlossenen KEG-Fässer
bleiben noch 6 Tage stehen und kommen dann in den Kühlraum.
Der Spundungsdruck steigt auf gut 1 bar.
Das ist
auch für Flaschenbier nötig. Für Faßbier reichen 0,7 bar.
Mittels
selbstgebauter Vorrichtungen wird das nach 4 Wochen
Lagerung
fertige Bier auf Fässer und Flaschen gefüllt. Bei
kühler
Lagerung beträgt die Haltbarkeit bis zu 1/4 Jahr.
Vom
Gosebrauerkollegen in Leipzig habe ich erfahren, daß
dort der
Würze beim Kochen Koriander zugesetzt wird, hier
will ich
Versuche starten.
ANDREAS WAGENFÜHRER, Goslar-Oker
zuerst veröffentlicht in der Flaschenpost 1/2001
(Fachblatt der Vereinigung der Haus-und Hobbybrauer in Deutschland e. V.)
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von A. Wagenführer
28. 9. 2004 J. Reuß